Ganz sanft und leise weht ein Lüftchen über die sich vor mir unendlich weit erstreckenden Dünenkämme hinweg. Die Sonne steht schon hoch am Himmel, obwohl es noch früh am Morgen ist. Es ist absolut still. So still, dass jeder Gedanke ein großer Störfaktor wäre. Und das scheint er auch zu wissen, der Gedanke, denn er kommt erst gar nicht..., da ist nur Stille, Weite, Leere. Nichts. Einfach nur sein.
Ganz still steh ich da beim heiligen Baum von Omi Hinda, der Marabout-Frau aus dem verfallenen historischen Nomadendörfchen Sabria. Marabouts sind weise, heilige Menschen, die Gott besonders nahe waren. Hier saß sie immer, erzählt man sich, und überwachte ihre Schaf- und Ziegenherden. Hier fühlt man sich eins mit der Schöpfung. Eins im Jetzt. Die tief im Inneren wahrnehmbare Geborgenheit ist mit Worten nicht zu beschreiben. Ich fühle mich ganz tief in der Seele gehalten und getragen, erfüllt und genährt. Meine tiefsten emotionalen und seelischen Bedürfnisse sind befriedigt, so wie wir es uns alle im Arm unserer Mütter gewünscht hätten. Und es ist auch so, als ob gleichzeitig die sanfte Kraft des Urvaters über uns wacht und alles umhüllt und einschließt mit unendlicher Liebe. Da »bin ich« – ohne wenn und aber. Ohne irgendwas tun oder vorgeben zu müssen. Ohne mich zu verbiegen, um geliebt, anerkannt, respektiert oder sonst was zu werden. Hier fallen alle Rollen und Muster ab und sinken tief hinein in den puderfeinen Sand, von dem es hier so unendlich viel gibt. Das Herz hört auf weh zu tun, die Sehnsucht findet Erfüllung, du erfährst dich in deiner Essenz, als Quelle. Die Frage »Wer bin ich« erhält Antwort. Irgendwie ist sie ganz plötzlich und ganz von alleine geschehen, diese Rückverbindung an die Essenz, ans Wesentliche, ans wahrhaftige Sein, ans Selbst. Und du kannst nicht mehr sagen, wann genau dies geschah. Du merkst nur, dass es einfach ist. Und alles fühlt so natürlich und vertraut an, als ob es niemals anders gewesen wäre.
Ich habe noch Holz vom Vortag und entfache ein kleines Feuer. Die Nomaden haben mir gezeigt, wie man Tee macht, auch wenn der Wind weht. Ganz konzentriert und voll im gegenwärtigen Moment gebe ich jedem Handgriff meine volle Aufmerksamkeit und bin völlig im Frieden. Im Frieden mit dem Wind, mit der Wüste, mit dem Leben ... im Frieden in mir. Alles was es braucht ist eine kleine blaue Teekanne, eine handvoll Tee und Zucker, viel Zucker ..., und die Zeremonie kann beginnen, die Glückseligkeit ist perfekt. Ob ich diesen inneren Zustand wohl mitnehmen kann nach Hause? Und mich auch im täglichen Leben seelisch davon nähren kann? Inshallah! Wenn Gott will. Übrigens, der erste Teeaufguss ist so herb wie das Leben, der zweite so stark wie die Liebe und der dritte so sanft wie der Tod, sagt eine alte Nomadenweisheit.
»Wenn Gott will!« und »Gott sei gedankt!«, diese beiden Sprüche beherrschen den Sprachschatz unserer Nomadenführer und werden täglich mehrere hundert Mal gesagt. Vielleicht ist das »the secret« zu ihrem stets offenen Herzen? »Alles ist Gott«, sagen sie uns mit einer Selbstverständlichkeit, die in manchem von uns fast ein wenig Neid aufkommen lassen könnte. Neid auf dieses tiefe Urvertrauen, das ihnen erlaubt, alles, was das Leben mit sich bringt ohne Hadern anzunehmen und damit einverstanden zu sein. Auch mit den nicht gar so guten Aspekten.
Damals, 1975 in Algerien – ich war grad mal 21 Jahre jung – erahnte ich sie zum ersten Mal, diese Freiheit des Seins. Ich hatte eigentlich keine Vorstellung davon, was genau es war, das mich da so tief im Herzen berührte. Niemals werde ich dieses glückselige, strahlende Lächeln des uralten Mannes vergessen, der in Burnus und Turban gehüllt vor seiner Lehmhütte saß und meiner Meinung nach gar keinen Grund zum Strahlen hatte. Der erste Regen würde sein Zuhause wegspülen, er schien tatsächlich nichts zu besitzen – also, wie konnte es sein, dass er so von innen heraus leuchtete? Damals war ich böse auf den »lieben« Gott, weil er mir viel zu früh meine Mutter genommen hatte. Ich war gefangen in meinem Leid, im Vorwurf, ich empfand das Leben als ungerecht und ewigen Kampf und suhlte mich im Sumpf des Selbstmitleids. Dieser alte Mann hingegen war frei – ich war es nicht.
Er war einverstanden mit dem Leben, so wie es für ihn war. Er war in vollem Einklang mit sich, dem Leben, seinem Gott und lebte aus seiner Essenz heraus.
Jahrzehntelang haben sie mich verfolgt, diese strahlenden, wissenden Augen des alten Mannes – bis ich sie vor einigen Jahren in der tunesischen Wüste wieder fand: in anderen Gesichtern, in anderen Menschen, unter anderen Umständen, doch tief aus dem Herzen kommend so wie damals. Seitdem komme ich oft und mit vielen anderen hierher, auf dass auch sie erfahren mögen, was ich erfahren durfte. Jeder ganz individuell und persönlich.
Unterstützen lass ich mich dabei von weisen Wüstensöhnen, die uns kompetent und liebevoll umsorgen und bekochen. Sie kennen die Wüste wie ihre Hosentasche und finden auch bei Nacht ihren Weg durch dieses Nichts. Wir sind ein gutes Team. Egal ob Wüstencamp mit sanftem Seminar-programm oder Kameltreck mit täglich neuem Schlaflager, egal ob Silvester unter dem Millionensternenhimmel oder Karawane durch den Grand Erg zur heißen Quelle – alles erfolgt ganz im Einklang mit der Schöpfung und der hier in der Sahara so eindrucksvoll erfahrbaren Essenz.
El Haya Helua – la vie est belle – das Leben ist schön! Die kräftige und doch so sanft gefühlvolle Stimme unseres Nomadenführers Brahim erklingt weit über die Dünenkämme hinweg, während er die Karawane sicher zum nächsten Rastplatz führt. Schon für so manchen Mitreisenden sind diese Worte zu einer neuen Lebensmaxime geworden.
Margit Satyana, geb. 1954 in Wien, ist Accredited Journey Practitioner und Wüstenreisebegleiterin. Seit mehr als 30 Jahren liebt sie die Wüste und begleitet nun auch andere Menschen in diese Erfahrung der Unendlichkeit, Stille und Freiheit: www.reisenzurquelle.at
KASTEN:
Was ist wichtig?
»Wüstensand kennt keine Schranken, keine Grenzen. So verhält es sich auch mit der Wirkung der Wüste auf die Seele. Zuerst wirkt sie unmerklich, doch dann schleichend dauerhaft und unauslöschlich. Unvergesslich, ewiglich und Sehnsucht hinterlassend. Immerwährende Sehnsucht nach dieser Stille, dieser Weite, dieser Reinheit, Unberührtheit. Pures Sein, ohne Schmuck und Tand. Sein um des Seins willen. Klarheit. All-Eins-Sein. Demut. Liebe ohne wenn und aber. Ich mit mir und niemandem sonst. Endlich! Ich und nur ich!
Seit ich in der Wüste war, lebt sie in mir, gibt mir Ruhe und schenkt mir Kraft. Ich brauche nur an sie zu denken, und sie ist da. In mir und um mich herum. Fängt mich auf, wiegt mich in ihren Armen, tröstet mich und spricht mir Mut zu. Erinnert mich an das, was wirklich wichtig ist für mich, mein Leben, mein Herz. Bin tief dankbar für diese Erfahrung und demütig gegenüber dem, der diese »Wiege der Seele« geschaffen hat. Liebe – endlich auch mir selbst gegenüber. Solange habe ich nach ihr gesucht, dort, im tiefsten Nichts hat sie auf mich gewartet!«
Eva Langwieder, Teilnehmerin des Wüstencamps im Oktober 2007