"Meine Wüste" - oder war es eine Reise in mein Inneres?" von Edith Svahana


Kameltrekk in der Tunesischen Wüste.

Die Entscheidung dafür treffe ich relativ kurzfristig und voller Begeisterung. Wüste, ja das ist es was ich jetzt brauche, das ist es wo ich das Alltägliche hinter mir lassen kann, das ist es, wo ich meine inneren Ängste, Unsicherheiten - was auch immer - loslassen kann.

Nach Flug und vierstündiger Jeep-Fahrt komme ich im Wüstencamp an - endlich Wüste, nur Sand und unendliche Weite - ich dehne mich mit dieser Weite aus - ich fühle mich geborgen und aufgehoben - Sand, Wärme, Weite, Unendlichkeit - hier bin ich daheim - es ist ein wunderbares Gefühl - seltsam und doch bekannt.

Das Camp übertrifft alle Erwartungen, große geräumige Berberzelte mit Matratzen und Leintuch (!) ein Speisezelt mit Bodentischen, Tischtuch, Servietten und köstlichstem Abendessen... Ich genieße die Atmosphäre, die Düfte; schaue mich um wer diese Woche mit mir in der Wüste verbringen wird. Es ist ein vorsichtiges "abtasten" ein sich einlassen auf sich selbst, auf die Gruppe, auf die uns führenden Bediunen und auf die Wüste. Fröhliche Stimmung und Erwartung, Gelassenheit und Neugier und schließlich Müdigkeit.

Ich schleppe meinen riesigen Rucksack ins Zelt (natürlich habe ich viel zu viel eingepackt!) das ich mit einer Kollegin teile, richte mein Schlafgemach, genieße noch für einen Augenblick mein Ankommen in der Wüste (hier bin ich nun also wirklich) und falle in einen wunderbaren Schlaf. Irgendein Geräusch weckt mich - es ist stockdunkel und ein wenig Angst drängt in den Vordergrund - doch was soll ich jetzt mit Angst anfangen? "Pfeif drauf, drehe dich um und schlafe weiter. Du kannst JETZT NICHTS TUN," sind meine weiteren Gedanken - und siehe da, es funktioniert. Im Morgengrauen motiviert mich der zu erwartende Sonnenaufgang und ein menschliches Bedürfnis aus meinem wohligen Schlafsack zu kriechen und die Wüste zu begrüßen. Welch eine Weite, welch eine Ruhe und Gelassenheit die mir da entgegen strömt, die ich aufsauge, einatme und nicht mehr hergeben möchte....

Den Vormittag verbringe ich im Sand liegend, musizierend, plaudernd, ruhig werdend, ankommend.... um nach einem schmackhaften Mittagessen und dazugehörender Siesta (ich ließ mich einfach vom Tisch sitzend nach hinten fallen und schlief ein...) am frühen Nachmittag den Beginn unseres Wüstentrecks auf den Kamelen zu erwarten. Mit Routine und Achtsamkeit werden die Kamele beladen und sorgsam ausgewählt, welcher Teilnehmer auf welchem Kamel reitet. Erst später allerdings soll mir diese "Auswahl" glücklich bewusst werden. Momentan breitet sich eine gewisse Unruhe in mir aus - oder soll ich sagen dass es Angst vor diesen großen, majestätischen, in sich ruhenden Kamelen ist? Die Zeit darüber nachzudenken bleibt nicht. denn schon werde ich aufgefordert "mein Kamel" zu besteigen und im nächsten Moment erhebt sich das Tier sodass ich glaube vornüber zu kippen, halte mich leicht panisch und verkrampft fest und schon steht es auf den Vorderbeinen und ich "schwebe" waagrecht zwei Meter über dem Boden - was für ein feeling und was für ein Ausblick. Juhuu, es kann losgehen!





Das Camp hinter mir wird immer kleiner, die Wüste vor mir immer größer und je tiefer ich mit "meinem Kamel" in die Wüste eindringe desto ruhiger werde auch ich innerlich. Weite breitet sich in mir aus, Zufriedenheit und Geborgenheit im Schoße dieser unendlichen Sandkörner und mit dem Gehrhythmus "meines Kamels" lasse ich mich schaukeln, entspannen und kann loslassen was noch an Aufregung der letzten Tage, Wochen... in mir ist....und kann nur noch genießen und hier sein. "Leben ist endlich - lebe endlich" - dieser Spruch kommt mir in den Sinn. Ja, hier LEBE ICH ENDLICH!

Irgendwann steige ich ab von "meinem Kamel" und möchte wie die Beduinen in unserer Karawane mitlaufen - ziemlich erfolglos wie sich in Kürze herausstellt. Zwar hätte ich genug Kondition um vom Tempo her mitzukommen (langsam fühlt es sich nur an solange ich am Kamel sitze!) doch treibt es mich links und rechts, gehe ich Umwege um Büsche und raue Böden (ich gehe barfuß) und so dauert es nicht lange und ich bin am Ende des Trekks angekommen. Hilfe, ich bin die Letzte im Trekk - was ist hinter mir? Alt bekannte Ängste und Sorgen steigen hoch und neben der Sonne spüre ich meine innere Hitze aufsteigen....ich will hier nicht alleine in der Wüste zurückbleiben...ich will auf "mein Kamel"....ich will - ja , was will ich eigentlich in der Wüste?

Irgendwie habe ich es dann geschafft doch wieder "mein Kamel" zu erreichen - ich brauchte nicht viel zu sagen. "Mein Beduine" hielt "mein Kamel" an und ließ mich aufsteigen - in Ruhe und mit aller Zeit der Welt - mein kurzfristiger Kummer muss mir wohl ins Gesicht geschrieben gewesen sein.

Ankunft für das Nachtlager. Ich hab keine Ahnung, nach welchen Kriterien das Nachtlager ausgesucht wird - es ist auch nicht wichtig. Wind ist aufgekommen, Hunger und Müdigkeit (wovon eigentlich?) macht sich breit. Ich sehe mich um. Die Wüste blüht - ich finde viele wunderschöne kleine Blümchen, weiße, gelbe, violette - es ist kaum zu glauben. Hier gibt es auch viele größere und kleinere Büsche - Bäume wie die Beduinen dazu sagen - und ich bin aufgefordert mein Zelt in einer Mulde bei einem Baum aufzustellen. Der Wind hat zwischenzeitig zugekommen und so bin ich um das Zelt für meine Wüstennacht recht dankbar!





In wundersamer Schnelligkeit hat unser Koch - es ist wirklich purer Luxus einen eigenen Koch beim Wüstentreck mit dabei zu haben - ein schmackhaft gut gewürztes Abendessen gerichtet mit frisch gebackenem Wüstenbrot. Ich bin dankbar über dieses köstliche Essen Mein Löffel ist zwar schmutzig, aber das ist doch egal hier in der Wüste  das ist doch absolut unwichtig und ich will mir auch keine weiteren Gedanken darüber machen, wie der Abwasch erledigt wird....

Ich wandle in mein Zelt - die Zelte stehen im Umkreis von ca. 50 Metern verstreut in der Wüste - und kann mich gut breit machen, da meine Kollegin trotz mittlerweile starkem Wind im Freien schlafen will. Es flattert und pfeift und zieht und durch jede kleinste Ritze strömt feinster Sand ins Zelt. Ich verkrieche mich tiefer in meinen Schlafsack und verdecke mir mit meinem Schesch (Kopftuch) mein Gesicht um nicht nur Sand einzuatmen. An Schlaf ist nicht zu denken und so beginnen meine Gedanken ihre eigene Geschichte zu spinnen...."warum tust du dir das an....liegst hier Mutterseelen alleine irgendwo in der Wüste....das Kreuz schmerzt vom harten Boden.....es stürmt immer stärker... na hoffentlich fliegt das Zelt mit dir nicht davon....ich habe Angst..."

Irgendwann höre ich ein Geräusch am Zelt und den Reißverschluss - Freude, dass jemand da ist und gleichzeitig ein Schrecken WER da ist, breiten sich aus. Es ist meine Zeltkollegin, die es aufgegeben hat im Freien zu schlafen. Ach ist das gut, jemanden neben sich zu wissen... und irgendwie überkommt mich die Müdigkeit und ich schlafe doch noch ein wenig.





Der sonnige Morgen entschädigt für die aufregende Nacht (ich bin wirklich ein Angsthase) und Freude und Mut übernimmt die Oberhand! Ein köstliches Frühstück mit eben frisch gebackenem Wüstenbrot, Kaffee, Tee, Marmelade und Käse lassen mich meine nächtlichen Gedankenreisen endgültig vergessen.

Der Kameltrekk wird fortgesetzt, das heutige Aufsitzen auf "mein Kamel" war wenig spektakulär und langsam, mit Bedacht und einer gewissen Würde setzt sich unser Treck (7 Teilnehmer und 4 Beduinen) in Bewegung. Und wieder genieße ich die Stille, diese unendliche Freiheit und gleichzeitig Geborgenheit; genieße ich die Sonne und den Wind und die Sanddünen ohne einen einzigen Strauch, denen wir uns nähern. Mein Fotoapparat ist griffbereit - doch wie soll ich Eindrücke festhalten? Was kann ein Bild vermitteln wenn man nicht hier mitten drin in der Wüste ist und Wüste erlebt? Trotzdem, das Öffnen meiner Fototasche erkennt "mein Beduine" als Zeichen dafür, das Kamel anzuhalten damit ich klare Bilder schießen kann - welch ein Feingefühl - und das alles ohne Sprache (arabisch und französisch kann ich leider nicht) - hier herrschen andere Gesetze!

Weiter hinten im Tekk höre ich fröhliches Lachen und Plaudern, Geschäftigkeit. Welch ein Glück - jetzt weiß ich es zu schätzen dass meine Kollegin am Kamel hinter mir die Wüste ebenso in Stille genießen kann und will wie ich.

Für mich ist diese Stille nur im Außen. Die Wüste spricht unentwegt mit mir. Sie erzählt mir Geschichten von unzählbaren Sandkörnern, von Sonne und Sturm, von Regen und Wind, von Tiefen und Höhen, von Menschen und Tieren, von Freiheit und Wildheit, vom Leben und Sterben, von Ruhe und Bewegung....

Es ist spät geworden (nehme ich an, denn Uhr habe ich keine mit) und mein Körper wippt im Rhythmus des Ganges "meines Kamels" weich mit. Ich starte einen neuen Versuch im Treck mitzugehen. Die Bewegung tut gut nach dem langen Ritt und lässt mich meinen Körper wieder spüren. Barfuß genieße ich jeden Schritt den ich in den Sand setze, versinke und spüre den feinen Sand über meine Haut rieseln - wunderbar - jeder Schritt neu, jeder Schritt Verbundenheit mit der Wüste, jeder Schritt bewusstes Wahrnehmen. Heute kann ich mich einlassen auf den Rhythmus des Trekks, mich mitnehmen lassen von den Schritten der Kamele, mich ziehen lassen von der Energie der Wüste und finde meinen Weg im Trekk.

Irgendwann kommt wieder Wind auf - aber was macht das schon - ich bin eins geworden mit der Wüste, bin Sandkorn und Düne - also bin ich auch Wind und im Gegensatz zu meinen Wüstenkollegen finde ich absolut nichts auszusetzen am Wind - naja, vielleicht ein bisschen viel Sand im Abendessen. Dafür war es sehr sättigend :-)




Heute finde ich einen guten Platz für mein Zelt - zumindest etwas windgeschützt und meine Zeltkollegin erzählt viele Dinge, die mich richtig gut einschlafen lassen. (Ich habe mich am nächsten Tag bei ihr entschuldigt, dass ich im Gespräch einfach einschlief). Der windstille Morgen inspiriert mich zu einer Fotosession - doch bevor dies in Angriff genommen werden kann muss ich mich aus meinem Schlafsack und dem Tuch über meinem Gesicht schälen, denn alles ist gut zwei Zentimeter mit Sand bedeckt - im Zelt wohl gemerkt! Trotzdem, das stört mich nicht eine Sekunde. Der Sand ist Wüste und Wüste ist überall - so ist es.

Den heutigen Tag verbringe ich wieder auf meinem Kamel in selbst gewählter Stille und teilweise im Gehen mit dem Trekk. Auch abends beim wohlig warmen Lagerfeuer bin ich eher Zuhörer als Sprecher. Unsere Beduinenführer verwöhnen uns mit Trommelmusik und Gesang in gemütlicher Runde und wie immer mit schmackhaften vegetarischen Speisen - alles frisch zubereitet!




Einen besonderen Höhepunkt für mich bildet die Nachtwanderung bei Vollmond. Mit einem ganz anderen Gesicht zeigt sich die Wüste in der Nacht. Es ist ein schweigender Marsch durch die Wüste und das Vertrauen, das ich bisher schon in Brahim unseren Beduinenführer gelegt habe wird nun nochmals erneuert. Auch er ist eins mit der Wüste und WEISS den Weg, kennt seine Wüste. Eine hohe Düne lässt uns anhalten, uns hinsetzen und in die Wüste hören. Die Stille der Wüste ist ihre Sprache, die Nacht ihre Geborgenheit und der Mond ihr Geheimnis. Die Wüste ist überall bis zum Horizont, der Mond leuchtet sie aus. Die Wüste ist auch in mir - mit Fülle, mit Schönheit und mit tiefer Ruhe und Zufriedenheit und ich erkenne, dass ich "ganz" bin, dass ich nichts im Außen suchen brauche; die Wüste ist mein Spiegel. Es ist alles da, es ist alles IN mir. "Wüste, ich liebe dich!"

Die restliche Nacht schlafe ich im Sand, eingebettet und geborgen im riesigen Schoß der Wüste. Für mich ist es Abenteuer, Mut, Ziel und ein eine große Herausforderung. Es hat sich gelohnt mich einzulassen auf die Wüste und es folgen weitere Nächte ohne Zelt, lustvolle Purzelbäume durch den Sand, laute Gesänge beim Lagerfeuer, schweigende Kamelritte, kraftvolle Tänze im Sand, übermütige Fotosessions, geheime "Verdauungsdrinks", ehrliche Gespräche bei Sonnenuntergang, heilende Hände für "meinen Beduinen", sehnsüchtige Tränen, angstvoll erlebte Sandstürme.... und vor allem tiefe persönliche innere Lebenserfahrungen.

Natürlich hatte diese Reise ein Ende - doch in meinem Herzen ist diese Reise in die Wüste noch lange nicht beendet und ich WEISS dass ich wieder komme. Bis dahin habe ich meine Schuhe zurückgelassen damit sie mit einem Beduinen "meine Wüste" bereisen und mir dann, wann ich wieder komme, neue Wüstengeschichten zuflüstern....

Und manches mal frage ich mich - jetzt wo ich wieder daheim bin - war es ein Traum oder war es Wirklichkeit? War ich bei vollem Bewusstsein oder war ich in Trance? Wie habe ich es geschafft, mich so 100%ig auf die Wüste einzulassen, mit ihr zu atmen, zu sprechen und eins zu werden, mich mittragen und aufnehmen zu lassen von jedem einzelnen Sandkorn? Oder passiert das einfach, wenn man spürt, dass man in der Wüste daheim ist?

Edith Svahana
März 2008

PS:
und übrigens... es war meine erste Reise alleine ins Ausland....es gibt ja bekanntlich immer wieder ein erstes mal...





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